Donnerstag, 1. Juni 2017

Der Westen verbreitet eine Neue Welle von Wohlfühl-Videos und falscher Hoffnungen

Von Andre Vltchek / via Global Research
Übersetzt von wunderhaft


29. Mai 2017, Global Research
Wer die Möglichkeit wahrnimmt und sich Kino-Kassenschlager aus dem "Süden" ansieht wird beginnen zu glauben, daß die Welt doch kein so hoffnungsloser Ort ist. Vielleicht gelangen Sie ja sogar zu der Überzeugung, daß die Dinge unter den derzeitigen imperialistischen und turbo-kapitalistischen Bedingungen nur besser werden können. Würden Sie irgendwo im südlichen Afrika in der Gosse leben, sollten Sie sich einfach anstrengen, Sie sollten "an sich glauben und sich selbst lieben", sie sollten "auf ihre Gefühle achten" und schließlich kann sich alles ins Gute verwandeln. Sie könnten Anerkennung erhalten, ein Einkommen beziehen und sogar von Ihrem Elend auf die üppigen Wiesen katapultiert werden, welche auf den grünen Hügeln des Erfolges wachsen. Denken Sie einmal darüber nach! Oder... denken Sie gar nicht – stecken Sie einfach den Kopf in den Sand.

Es wurden schon immer Bücher geschrieben und Filme produziert um den westlichen Förderorganisationen und der Propagandamaschine zu schmeicheln. Ich habe diesen Prozeß in meinem jüngsten politisch/revolutionären Roman , "Aurora", anschaulich beschrieben.

Denken Sie nur an an den Roman Kite Runner des afghanisch-amerikanischen Schriftstellers, Khaled Hosseini, oder an all die Bestseller von Salman Rushdie oder Elif Shafak und an Bücher über Indien oder die Türkei, die  allerdings fast ausschließlich für Leser im Westen geschrieben worden sind, in ihren Herkunftsländern jedoch oft verschmäht werden.

Die Werke von Rushdie und Shafak lassen sich immerhin als "Literatur" bezeichnen. Derzeit verlangen die westlichen Märkte und Mainstream Medien jedoch immer mehr "Wohlfühl"-Ramsch-Bücher und -Filme von armen Ländern, immer mehr jener pittoresken und ´positiven´ Geschichten, die tatsächlich verwirrend sind und bei der einheimischen Bevölkerung vieler armer Länder falsche Hoffnungen erzeugen.

Erinnern Sie sich noch noch an Slumdog Millionaire? Wie realistisch war dieses Szenario? Zunächst handelt es sich nicht einmal um einen indischen Film: Es war eine britische Produktion aus dem Jahr 2008 und wurde von Danny Boyle produziert, dem Regisseur, der auch Trainspotting produziert hat. Drehort war der Slum von Juhu, in Munbai.

Im Jahr 2011 filmte ich in demselben Slum, wo der Film aufgenommen worden ist. Ich habe viele Leute gefragt, wie wahrscheinlich eine solche "Erfolgsgeschchte" in diesem schmutzigen Viertel ist. Die Bewohner haben sich mit abfälligen Gesten geweigert diese unsinnige Frage zu beantworten; warum sollten sie auch kostbare Worte verschwenden?

Nun kommen immer mehr solcher Filme heraus – und noch mehr… und noch mehr! Fühlen Sie sich gut! Sein Sie zufrieden mit der Welt! Vergießen Sie ein paar Tränen beim Verlassen des Kinos. Murmeln Sie flüsternd: "Alles ist möglich." Dienen Sie dem Establishment. Vergessen Sie die Revolution, denken Sie ´positiv´ (denken Sie was das System von Ihnen erwartert) und denken Sie vor allem über sich selber nach!

Der Film der indischen Regisseurin Mira Nair, Queen of Katwe (ein Feuer- und Wasserschaden inmitten ihrer anderen Werke), über eine tatsächlich existierende ugandische Schachspielerin, Phiona Mutesi, ist eine Glanzleistung des wahren Individualismus. Und noch einmal, wenn Sie tatsächlich meinen einen ugandischen oder gar indischen Film zu sehen, liegen Sie völlig daneben: Er soll sich afrikanisch anfühlen, ist aber ein von Walt Disney Pictures produzierter Film aus den Vereinigten Staaten. Und er ist tatsächlich als "Wohlfühl-Film" gedacht und auch so beworben worden.

Die Handlung ist schlicht und vorhersehbar: Ein kleines Mädchen wächst in völligem Elend in einem der härtesten Slums in Afrika auf – Katwe, einem Vorort von Kampala. Ihr Vater ist bereits an AIDS gestorben, ihre Mutter ist nicht in der Lage die Miete zu bezahlen und ihre Schwester kann sich als Prostituierte kaum über Wasser halten. Die erst 10-jährige Phiona ist gezwungen die Schule zu verlassen.
Ihr Leben nähert sich dem völligen Zusammenbruch. Aber dann geschieht, plötzlich, ein Wunder! Hallelujah!

Phiona meldet sich für einen staatlich geförderten Schachkurs an. Sie ist talentiert. Sie strengt sich an, und schon bald reist sie per Flugzeug in den Sudan und ein paar Monate später sogar nach Rußland.

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Hierbei soll es sich um eine wahre Begebenheit handeln. Und es hat tatsächlich hat ein armes Mädchen gegeben, das in einem ugandischen Slum aufgewachsen ist. Sie war talentiert, obwohl sie niemals den Zenit ihres Schaffens erreicht und keine Goldmedaille gewonnen hat. In dem Film gewinnt sie Turniere, verdient eine Menge Geld und kauft ihrer Familie eine Villa (die wie ein Palast aussieht).

Sollten junge, arme Mädchen, die den Film in dem Slum von Katwe sehen, so etwas anstreben? Ist solch ein Traum realistisch, oder handelt es sich um reine Illusion?

Ich habe für meine erdrückende Dokumentation, Rwanda Gambit, ebenfalls in Katwe gefilmt. Und als Kind wurde ich für einen talentierten Schachspieler gehalten, der an verschiedenen Turnieren und Wettbewerben teilgenommen hat. Irgendwie ergibt der Film – Queen of Katwe –überhaupt keinen Sinn. Um Schach-Meister zu werden bedarf es mehr als glücklicher Umstände und Begeisterung. Ähnlich Konzertpianisten, muß ein Schachspieler, um auf einem bestimmten Nieveau spielen zu können, viele Jahre in harte Ausbildung investieren und sein oder ihr Privatleben hierfür buchstäblich an den Nagel hängen.

In meiner Kindheit  war mein Vater, ein Wissenschaftler, davon überzeugt mich zu einem Schachmeister machen zu wollen. Freilich war ich hieran nicht besonders interessiert, obwohl ich über Jahre daran gearbeitet habe. Ich habe ein paar Medaillen gewonnen aber weiter nichts. Hätte die hungrige und nahezu obdachlose Phiona nach wenigen Monaten anforderungslosen Trainings überhaupt zu einem Großmeister werden können?

Ich wünschte dem wäre so. Aber ich zweifle daran, da ich Uganda und seine Slums kenne, mir völlig klar ist wie gnadenlos es dort in Wirklichkeit zugeht und natürlich, weil ich Schachspieler bin.

Wer profitiert von Filmen wie diesem? Ganz gewiß nicht die Ärmsten der Armen, und bestimmt weder die Inder noch die Afrikaner!

Es scheint, daß deren einzige Nutznießer die Menschen im Westen und in den Kolonien sind, die versuchen den Status quo  zu erhalten. Sie wollen nicht, daß die Menschen realisieren, daß es kaum eine Hoffnung gibt und einzig radikale Veränderungen, wie eine Revolution, in der Lage sind die Verhältnisse in ihren ausgeplünderten Ländern umzukehren und zu verbessern.

Eine Revolution ist ein ´gemeinschaftliches´ Ereignis. Es geht dabei nie darum, daß ein Einzelner plötzlich aufsteigt und ´gerettet´ oder ´geborgen´ wird. Es geht nicht darum, daß es einer Person oder einer Familie ´gelingt´. Es geht darum, daß eine gesamte Nation um ihre Rechte kämpft, für ihren Fortschritt, und es geht um soziale Gerechtigkeit für alle.

In Wahrheit spalten solch kleine ´Erfolgsgeschichten´, die falsche Hoffnungen wecken, jede Gesellschaft.

Phionas Geschichte kommt aus dem westlich orientierten, turbo-kapitalistischen Uganda und hat nichts mit den großen gemeinschaftlichen Projekten in venezolanischen Slums gemein: wie bspw. Jugend-Orchestren für klassische Musik oder Seilbahnen (nicht Seilschaften / Anm. d. Übers.), Kindergärten,  Volkshochschulen oder kostenlose Gesundheitszentren.

Egal wie ´entzückend´ Mira Nairs Film, dieser Lotteriegewinn, oder hier und da einmal Glück zu haben auch ist, wird das nicht das Geringste in dem gesamten Land verändern. Das genau ist der Grund, warum solch kleine individuellen Handlungen und Triumphe in den Zentren des westlichen Imperialismus gefeiert und glorifiziert werden, Ein wirklicher Wandel ist gar nicht erwünscht, ob er sich nun zu Hause oder in den Kolonien ereignet. Andererseits werden eigennützige kleine Siege als heilig betrachtet. Alle, ob Mann oder Frau, sollen, ungeachtet des Gesamtzusammenhangs, nur ihre eigenen Bedürfnissen leben,

Wie viele andere ergreifende, unrealistische Filme über ´positives Denken´,  ´das Wohlbefinden´ und ´falsche Hoffnungen´ habe ich in letzter Zeit gesehen? Viele. Zum Beispiel Lion, eine australisch/britische Koproduktion aus dem Jahr 2016 über einen armen indischen Jungen, der auf einen Zug springt um seine Heimatstadt zu verlassen und schließlich von einer liebevollen und engagierten australischen Familie adoptiert wird.

Es ist wie ein Schauer, wie eine Lawine aus sich ähnelnden Filmen, Büchern und Nachrichtenmeldungen. Es ist wie eine Art Neuer Welle des ´Positiven Denkens´ oder dem Dogma, daß ´nichts auf der Welt so grundlegend falsch ist, daß es sich nicht durch persönliches Glück und Individualismus lösen ließe´. Das meiste Zeug ist auf irgendeine Art mit dem Epizentrum ideologischen Indoktrination des Westens verknüpft – dem Vereinigten Königreich (einem Land, das alle revolutionären Bestrebungen seiner eigenen Einwohner, seiner Zuwanderer aus hoffnungslos gescheiten Kolonialstaaten und sogar jenen verzweifelten Menschen aus fernen Ländern für null und nichtig erklärt).

Der Westen ist damit beschäftigt eine ´Pseudo-Realität´ herzustellen. Und in dieser grotesken Pseudo-Realität werden einige sozial benachteiligte Individuen, wie hungernde Schachspieler, Straßenverkäufer und Slum-Bewohner, auf einen Schlag reich, erfolgreich und erfüllt. Millionen anderer aus ihrem Umfeld leiden weiterhin. Aber irgendwie scheinen diese nicht viel zu bedeuten.

Es entsteht eine neue Gruppe berühmter Personen – nennen wir sie die ´ruhmreichen Armen´. Jene ´außergewöhnlichen Individuen´, die ruhmreichen Armen, sind im Westen einfach aufzunehmen und sogar zu preisen. Sie integrieren sich rasch und gut gelaunt in den ´etablierten´ Club der globalen ´Draufgänger´ und der narzisstischen Reichen.


[Diese Artikel wurde ursprünglich bei NEO veröffentlicht]

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Andre Vltchek ist Philosoph, Schriftsteller, Filmproduzent und investigativer Journalist. Er hat über Kriege und Konflikte dutzender Ländern berichtet. Drei seiner letzten Bücher sind der revolutionäre Roman, “Aurora”, sowie die beiden nichtbelletristischen Bestseller: “Exposing Lies Of The Empire” und “Fighting Against Western Imperialism”. Sehen Sie sich hier nach seinen weiteren Büchern um. Andre dreht Filme für teleSUR und Al-Mayadeen. Shauen Sie sich seine bahnbrechende Dokumentation über Ruanda und die Demokratische Republik Kongo, Rwanda Gambit, an. Nach seinem Leben in Latein-Amerika, Afrika und Ozeanien, lebt Vltchek gegenwärtig in Ostasien und dem Mittleren Osten und setzt seine weltweite Arbeit fort. Er ist über seine Website und seinen Twitter-Account zu erreichen.


Quelle: http://www.globalresearch.ca/the-west-spreading-new-wave-of-feel-good-movies-and-false-hopes/5592550


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